Berlin

Interessant ist das Leben in der deutschen Reichshauptstadt. Die Menschen sehen ziemlich anders aus. Man glaubt ihnen anzusehen, dass keiner den andern kennt; alle fast sehen recht gescheit aus, aber bei allen ist die Gescheitheit die gleiche, einfach das Gepräge, das ihnen die Grossstadt aufgedrückt hat. Und das tut die Grossstadt eben. Das Leben in ihr ist kompliziert bis ins Einzelne und die Aufmerksamkeit muss sehr angespannt sein.
Aber kalt sind die Leute; keinem spricht ein bisschen Wärme aus dem Gesicht und der militärische Drill tut das übrige, um sie zum grossen Teil langweilig zu machen.

[…]

Abends bin ich zu Hause, oder laufe auf den Strassen herum, die bis gegen den Morgen immer voll Leute sind. Und was für Leute. Abends um 8 ungefähr hört der allergrösste Wagenverkehr auf, dann fahren aber eine Masse Droschken herum, und eine Unmenge Bummler drücken sich durch die Hauptstrassen. Von 11 Uhr an, 12, 1, 2 Uhr ist der „Fleischmarkt“. Weißt Du, was das heisst? Da gehen Dutzende, Hunderte, wahrscheinlich Tausende von Strassenweibern umher und verkaufen – sich. Und wie! Elegant bis zum Äussersten, in Seide und Sammet, geschminkt, gepudert, mit geschwärzten Augenbrauen und Wimpern, mit rot geschminkten Augenliedern. – So gehen sie, aber die Männer, die sie mustern, mit frechen, höhnenden und gierigen Blicken sind noch trauriger anzusehen, und sind an allem schuld.

[…]

Ich freue mich sehr, von Berlin wegzukommen. Die Berliner Zeit dauert jetzt noch etwa eineinhalb Monat. Dann habe ich genug. Es wird mir zu blöd hier; ich bekomme Heimweh unter dem langweiligen Volk. Es riecht alles nach Vergangenheit hier; sie beten die Uniform an und den Kaiser und halten sich für die höchsten Menschen im Weltall und sind doch nur die besten Beamten.

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1 Antwort auf „Berlin“


  1. 1 €£ 23. Januar 2014 um 16:29 Uhr

    „Oh, dies Berliner Publikum! Seh‘n Sie, in der ganzen Welt geht der Mensch ins Theater, um seine Freude daran zu haben. Nur der Berliner geht ins Theater, um diese Freude n i c h t zu haben. Und diese ist seine einzige Freude. Auf diese Freude wartet er. Deshalb setzt er sich ins Parkett nicht als ein dankbarer Zuschauer, sonderen wie ein Sonntagsschütze, der sich in eine Sandkuhle legt, um einen armen Hasen abzumorden. Der Hase aber, auf den er wartet, das ist der Fehler oder auch bloß der anscheinende Fehler, den der arme Schauspieler da oben machen soll. Weh‘ ihm, wenn er ihn nicht macht, dann ist er vollends verloren. Aber, Gott sei Dank, der Fall tritt nicht ein. Jetzt steckt der Hase den Kopf raus, der Fehler ist da, und nun knallt es los. Das ist das, was der Berliner sein Theatervernügen nennt.“

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