Vom Ausschluss

Ich schloss mich aus. Zum ersten Mal stand ich vor der Tür und alle Schlüssel waren dahinter. Doch mit dem Gefühl kenne ich mich aus. Es ist eben doch nicht das erste Mal ausgeschlossen zu sein.

Seit 10 Jahren bin ich eingeschlossen in eine Institution, die sich wesentlich durch einen doppelten Ausschluss auszeichnet. Zum einen schließt sie aus, wer es nicht bis zum Abitur schafft, zum anderen schließt sie die, die es schaffen aus dem menschlichen Dasein aus. Sie schließt aus, dass Menschen selbst denken, dadurch, dass sie ihnen abverlangt sich mit dem Produkten des schreibenden Ausschlusses andere Menschen zu beschäftigen. Das ist es was Diskurs heißt!

Auch sonst fühle ich mich eben ständig ausgeschlossen:

- Ausgeschlossen von den alltäglichen Gesprächen, weil die meisten Menschen Diskurs mit Diskussion verwechseln.

- Ausgeschlossen vom netten Beisammensein, weil ich die Gemütlichkeit in Anbetracht der Ungemütlichkeit der Welt nicht ertrage.

- Ausgeschlossen von der biologischen Reproduktion, weil mein Körper nicht kommt.

- Ausgeschlossen vom Tanz, weil meine Knie es nicht mehr zulassen.

- Ausgeschlossen vom substanziellen Rausch, weil sonst nur das weiße Rauschen blieb.

- Ausgeschlossen von der Musik, weil ich immer glaube, dass der Gesang mir irgendwas sagen will, außer die Bandbreite zu füllen und ich die musikalische Codierung nicht entschlüsseln kann.

- Ausgeschlossen von trivialer Literatur, weil ich immer enttäuscht bin, dass nach dem Roman alles ist wie davor.

- Ausgeschlossen vom netten Filme schauen, weil ich mich immer Frage, was diese rasende Aneinanderreihung von Bildern mir sagen will.

Und auch wenn ich es nicht bewusst herbeiführte, war dieser Ausschluss wohl die Sehnsucht dem Ausschluss im Einschluss ausgeschlossen zu sein. Einmal draußen zu sein, eingeschlossen im Ausschluss, ist da fast eine Befreiung. Endlich nicht mehr ausgeschlossen fühlen, sondern es wirklich sein. Ausgeschlossen, merkte ich zwar, dass ich in zu viele Ausschlüsse eingeschlossen bin, um wirklich ausgeschlossen bleiben zu können, aber für kurze Momente konnte ich das Ausgeschlossensein dann doch fast genießen. Dann kam der Schlüsseldienst und schloss mich wieder ein, in das Leben des Einschlusses in den Ausschluss.

Vor ein paar Tagen las ich, dass der Mensch der im Neptunbrunnen erschossen wurde, sich Tage davor ausgeschlossen hatte. Während ich es mir leisten konnte mich wieder in meinen Ausschluss einschließen zu lassen, schoss die Polizei ihn aus. Doch selbst wenn sie ihn nicht erschossen hätte, wäre wohl der Ausschluss durch Einschluss fällig geworden. Wer sich selbst nicht ausschließt wird eben eingeschlossen in den Ausschluss.

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