Ein paar Thesen gegen Weltuntergang und -seuphorie

Gerade aufgrund seines Charakters als Nicht-Ereignis, analog der Unvorstellbarkeit der realen Möglichkeit der Zerstörung der Erdoberfläche durch einen globalen nuklearen Krieg, scheint jede Reaktion gerechtfertig, ausser eben die Nicht-Reaktion. In diese Falle tappend, tippt der Autor nun 10 Thesen zum „Weltuntergang“, um der Ironie, aber eben auch den realen Ängsten, auf die sich diese Ironie, bewusst oder unbewusst, bezieht, etwas entgegen zu setzen. Tippen verweist hierbei zum einen auf eine Kulturtechnik, zum anderen aber auch auf den wettenden Charakter, des getippten. Insofern muss die Thesenhaftigkeit des Folgenden in seiner unbestimmten Offenheit als doxa und Wette ernstgenommen werden.

I. Die Welt geht unter oder nicht
Wenngleich sich die Bezugnahme auf das Nicht-Ereignis „Weltuntergang“, insbesonder im virtuellen Raum, als ironische Brechung geriert, die ihren analogen Ausdruck in vielfältigsten „Weltuntergangs“– Partys zu finden scheint, so weist deren mediale Allgegenwart über diese scheinbare Ironie hinaus. Schon ein kurzer Blick auf Wikipedias Eintrag zu Ironie entlarvt diese als ‚Verstellung‘. Verstellung aber kann nur verstellen, was als real erstmal behauptet worden ist.
Was hier nun verstellt wird sind Ängste, seien diese auch noch so irrational, was insofern aber vollkommen rational ist, da Angst selbst die äusserste Grenze der Rationalität darstellt. Zu Fragen bliebe als, ob nun der ironische Umgang mit den Ängsten deren Existenz, deren Form oder deren Inhalt verstellt, und darüber hinaus welchem Zweck diese Verstellung, kollektiv und individuell, dient.

II. Die religiösen Ängste
Wer von einem Welt-Untergang spricht reproduziert damit mehr oder weniger bewusst das Topos der großen Flut, wie sie u.a. im biblischen Kontext der Geschichte um Noah´s Arche, aber auch mythischen Erzählung des Untergangs Atlantis´, beschrieben wurde. Untergang wird damit zur moralischen Kategorie, also zur gerechtfertigten Bestrafung der Menschheit, mit einer partiellen Hoffnung auf Erlösung, aufgrund sich selbst zugeschriebener moralischer Qualitäten. Einer Vorstellung also die eine kosmologische Instanz oder Ordnung (heißt diese nun Natur, Gott, Karma, Vernunft usf.) herbeihalluziniert, an der die Menschheit sich, in welcher Form auch immer, versündigt habe.

III. Was kann der Welt schon zustossen?
Untergang verweist dabei auf eine Oberfläche unter die dann gegangen wird. Eine kugelgestaltete Erde in einem Raum-Zeit-relativen Universum kann nun aber nicht untergehen, sondern nur absinken, dass heißt also ein mehr an Masse ‚erhalten‘. Dieses Mehr an Masse kann nun nicht aus sich selbst generiert werden, sondern müsste der Erde, im wahrsten Sinne des Wortes, zustossen. Das ein solches Zustossen eher unwahrscheinlich ist, hat unter anderen die NASA hinreichend zum Ausdruck gebracht.

IV. Lieber noch das alle Sterben, als das ‚ich‘ alleine sterbe
In Anbetracht der Verdrängung des Todes auf die Friedhöfe (analog und digital) oder die Bildschirme, auf denen sie, in ihrer virtuellen Harmlosigkeit, scheinbar beliebig reproduzierbar geworden sind, verkommt die berechtigte Angst vor der eigenen Sterblichkeit zum unausprechlichen Kern jeder Individualität und zum hedonistischen Gebot des erfüllten Lebens. Die Vorstellung einer Welt ohne das eigene ‚ich‘, einer spektakulären Welt also, die scheinbar immernoch Erlebnisse produziert, an der ‚ich‘, tot, nicht mehr partizipieren kann, entlarvt das Phantasma des gelingenden Lebens, also ein Leben, dass möglichst alles erlebt, als unerfüllbar. So betrachtet wird das kollektiv erlebte Ende der Menschheit zur einzigen Möglichkeit, wenigstens noch an diesem Ende des Erlebens zu partizipieren und nicht gegenüber denen, die den eigenen Tod überleben, ins Hintertreffen zu geraten. So wird die ironische Weltuntergangsparty zu Vorwegnahme der eignen Beerdigung, auf die man real niemals gehen könnte. Die, unter Menschen mit Selbsttötungsabsichten beliebte, Vorstellung der Teilnahme an der eigenen Trauerfeier wird so scheinbar realisiert.

V. Medienumbruch und Weltuntergangseuphorie
1914 zogen weltweit junge Menschen begeistert in den Krieg, von der Vorstellung beseelt bis Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Was dann began war das Vorwort einer Katastrophe, die zwar kein Weltuntergang, doch aber schlimm genug war. 2012, also 98 Jahre später, ziehen weltweit junge Menschen auf die „Weltuntergangs“-Partys, getragen von der phantastischen Vorstellung, dass sie Weihnachten vielleicht schon nicht mehr nach Hause kehren könnten oder befreit nicht mehr müssten. So unterschiedlich beide Ereignisse auch sind, so sehr scheinen beide Reflexe auf veränderte mediale Bedingungen zu sein. Was der (Vor-)Kriegspropaganda der Telegraph und die Druckerpresse, ist der „Weltuntergangseuphoriepropagande“ das Internet. Die jeweils neuartigen Massenmedien fördern so eine kollektive Euphorie für Ereignisse, deren Eintreten weder wünschenswert noch hilfreich wäre. Ob realer Krieg oder imaginierter Weltuntergang, scheint die Euphorie beider auf eine Unfähigkeit der angemessenen Reaktion auf die massenhaft verbreiteten Informationen zurückzuführen zu sein. Eine solche wäre nämlich sie zu ignorieren.

VI. Der Ursprung der Angst vor dem Ende
Began mit Hiroshima und Nagasaki, als den einzigen kriegerischen Abwürfen von Atombomben, der Kalte Krieg, so wirkte diese traumatische Erfahrung durch diesen unbewältigt hindurch, und so die These, darüber hinaus. Der globale Ausbau und die Fortentwicklung der atomaren Waffen entließen eine zwar Unvorstellbare nun aber nicht mehr Unmögliche Zerstörung der Welt in die Welt. Ein Möglichkeit, die nicht wenige Großeltern und Eltern, Politikern und (Kultur-)industriellen in Angst und Schrecken versetzte. Eine Angst, die glücklicherweise niemals wirklich nötig, doch aber konstant vorhanden war und sich in gewisser Weise bis heute tradierte. Scheint ein atomarer Krieg vorerst nicht wahrscheinlich, so flottieren die damit verbundenen Ängste nun ungebunden durch die Welt und scheinen sich dementsprechend an jeder Gelegenheit ihren Weg an die Oberfläche zu bahnen.

VII. Teilhabe an einem singulären Ereignis
In Anbetracht des Überflusses und der Möglichkeit der ständigen Reproduktion des Immergleichen, gepaart mit der Angleichung aller Lebensbereiche, verschwindet scheinbar die Möglichkeit der Originalität und damit der Singularität. Die Vorstellung eines „Weltunterganges“ impliziert nun schon, dass dieses Ereignis einzigartig sei, weil danach eben gar nichts mehr sei. Verweist die eigenen Individualitätsvorstellung gleichermaßen auf eine Singularität, welche an den objektiven Verhältnissen immer schon gebrochen ward, so stellt die kollektive Singularität des Weltuntergangs ein weiteres Mosaik in der Entfaltung einer Nicht-Individualität dar, wie sie heute allerorts gefordert wird und in propagierten Konzepten der Schwarmintelligenz ihre naturwissenschaftlich-ideologische Fundierung bekommt.

VIII. Blubb, Blubb, Blubb
Da nun also das Nicht-Ereignis des „Weltuntergangs“ nicht eintreten wird, wünsche ich allen Partizipierenden an den überall stattfindenden Parties, ein freudiges Fest, ein erfreuliches (nicht allzu katerreiches) Erwachen und ein schönes und erfülltes Restleben, bis dann, früher oder später, der eigene Tod, ohne den Tod aller anderen, eintritt. Dieser nämlich ist, im Gegensatz zum spektakulären Tod aller, und trotz aller technologischen Heilsversprechen, unumgänglich und sicher.

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3 Antworten auf „Ein paar Thesen gegen Weltuntergang und -seuphorie“


  1. 1 esichdu 21. Dezember 2012 um 13:32 Uhr

    ach ja, was ich noch vergessen hatte, war die strukturelle Ähnlichkeit von „Weltuntergang“ und Weihnachten zu Ostern, also K-Freitag und Rosenmontag. Genauer gesagt, dass zwischen Tod und Wiederauferstehung bei Atheisten, wie Christen, immer 3 Tage liegen, ob man in der Zeit Tod in einer Höhle, zerstört in seinem Bett liegt oder immernoch wach aus irgendeinem Club fällt, ist dann auch egal, wenn man pünktlich zu Weihnachten wieder auferstanden ist um die Geschenke anzunehmen und sich dann auf den Weg in den Himmel begiebt, nachdem man nochmal mit seinen Jünger(e)n einen Saufen war.

  2. 2 esichdu 21. Dezember 2012 um 14:01 Uhr

    und zum weiterlesen und -denken:
    Derrida „No Apocalypse, not now“

  3. 3 esichdu 22. Februar 2013 um 13:48 Uhr
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