Archiv für Januar 2010

Sherlock Holmes oder Wissenschaft ohne Rationalität

Unzählige Debatten sowie film- und literaturkritische Interpretationen sind bzw. sollten über den neuen Sherlock Holmes-Film von Guy Richie geführt werden. Doch die Fragen nach dem Verhältnis des Streifens zu den Büchern oder der generellen Möglichkeit von adäquaten Romanverfilmungen usw. sollen hier beseite gelassen werden. Tausendfach in Lichspielsälen rund um den Globus gespielt, in Zeitungen und Internet angekündigt und beworben, und durch ins linguistische Kreaturen zumindest für die durchschnittliche Verwertungspanne im kollektiven Gedächtnis gehalten, stellt er ohnehin eine unabhängig vom Kritikdiskurs existierende (mediale) Entität dar. Dies sollte jedoch keinesfalls als ein Passierschein für die Kritikimmunität des Kunstwerkes überhaupt gelesen werden, sobald dieses die Bühne öffentlicher Aufmersksamkeit betreten hat. Vielmehr wirft der besagte Film schon ohne filmtheoretische Behandlung ernsthafte philosophische Probleme auf.

Dabei scheint die Botschaft blockbustertreu eindeutig und Plot kohärent umgesetzt: Schwarzmagier/Bösewicht Blackwood verschwindet nach seiner Erhängung spurlos aus dem Grab und terrorisiert wiederauferstanden London mit seinen mystischen Kräften: Er lässt Männer bei lebendigem Leibe verbrennen, verwandelt Badewasser in tödliche Säure, jagt ganze Fabriken aus dem Nichts in die Luft, usw.
Nun ist es an Sherlock Holmes, mit Hilfe seiner analytischen Fähigkeiten die Spuren zu analysieren, welche Blackwood überall in der industriellen Metropole des späten 19. Jahrhunderts hinterlässt, und diese darüber hinaus zu einem logischen Ganzen zusammenszusetzen. Dieser scheint ihm und seinem Gefährten Dr. Watson immer einen Schritt voraus zu sein, sodass erst die scheinbare Anwendung von der so verachteten Schwarzmagie Holmes auf die Fährte von Blackwoods diabolischem Plan führt: Jeder seiner Gegner soll im House of Lords in Gegenwart des Magiers selbst ersticken. Nur in letzter Sekunde können Holmes und seine Gefährten Blackwoods Mechanismus abzuschalten, überraschenderweise (und ganz unmagisch) eine komplizierte Konstruktion welche chemische Substanzen zu einem Gift zusammen gemischt über das Lüftugnssystem ins Haus der Lord schleusen soll. Nach Blackwoods Flucht kommt es (aus unerfindlichen Gründen) auf der unfertigen Londoner Tower Bridge zum Showdown und Holmes offenbart, wie er Blackwoods Magie durchschaut hat : Sich selbst auflösende Grabsteine, eine pulsstoppende Kräuterpflanze, eine mit Kupfer zur Säure reagierende Badellösung, eine manipuliert Pistole: aller Mythos der Magie kann auf eine wissenschaftliche Erklärung zurückgeführt werden. Die Moral: die positivistische Wissenschaftssicht gewinnt, der Glauben in Magie und Übernatürliches hat ausgedient. Soweit würde wohl jede Standarderzählung die Bedeutung des Filmes zusammenfassen.

Doch eine Darstellung lässt die gesamte temporale Dimension, welche gerade im Film als bewegtes Medium eine zentrale dramaturgische Rolle spielt, völlig aussen vor, Die Standarderklärung setzt, wie Nietzsche den Philosophen vowirft, ‚die Konklusion an den Anfang‘ um zu bestimmen wie man die Handlung zu verstehen hat. Die Magie Blackwells war von Beginn nichts anderes als trickreiche Wissenschaft, welche durch ihn und seine Schergenbande in perfekter Geheimhaltung als Magie inszeniert wurde. Will man aber der Geschichtlichkeit des Films gerecht werden, so muss man feststellen, dass dem Zuschauer (sowie allen anderen Figuren außer Mastermind Holmes sowie Blackwood und Kollegen) die Magie als Magie erscheint, obwohl sie, wie Holmes demonstriert, nur getarnte Wissenschaft ist. Es gibt also eine Identität von Wisschenschaft und Magie , die Wissenschaft ist Magie für den Zuschauer (und den Pöbel ds Films – sagt dies etwas über die Wertschätzung des Regisseurs aus?) und damit mythisch und unerklärlich. Wissenschaft ist also in der Lage, Magie zu erzeugen und Magie zu sein für denjenigen, dem es als Magie vorgeführt wird.
Es ist erst Sherlock Holmes, der mittels Rationalität die Magie demystifiziert und zeigt, dass ihre wissenschafliche Grundlage logisch verständlichen Regeln folgt. Doch aus der vorherig festgestellten Identität von Wissenschaft und Magie folgt, dass Holmes (für den Zuschauer) erst mittels seiner logischen Analyse Wissenschaft selbst rationalisiert, d.h., dass Wissenschaft, zumindest unter bestimmten Wissens- und Machtverhältnissen (Blackwood – einfaches Volk; Regisseur [einfacher] Zuschauer) auch ohne Rationalität existieren kann.

Geht man noch einen Schritt weiter, und ersetzt das Verhältnis zwischen Zuschauer und Status der Wissenschaft im Fimverlauf durch das Verhältnis zwischen dem Bewohner der (vor- und außerwissenschaftlichen) Lebenswelt und dem Status von ‚realer‘ Wissenschaft selbst, so findet man sich in einer ähnlichen Situation wieder: Wissenschaft ist nur ein weiterer Mythos den wir uns erzählen, um in der Welt zurechtzukommen, ohne notwendigerweise verstehen zu müssen wie die Methode zu Erzeugung all dieses Wissens wirklich funktioniert. Was den Unterschied zum Mythos Magie in früheren Perioden der Menschheitsgeschichte angeht, so ist dieser nur durch den Zugang zu den Erklärungen hinter den (magischen/wissenschaftlichen) Phänomenen aufrechterhalten. Da sich Wissenschaft historisch unter einen (‚rationalen‘) Diskurs der Selbstoffenlegung seiner Methodik gestellt hat (im Kontrast zur Geheimhaltung des magisch-okkulten Wissens), erscheint die Möglichkeit, diese für Magie zu halten, eher absurd und uninformiert. Doch voraussgesetzt, dass die Wissenschaft nur eine bestimmte Lebensform mit einer partikulären Umwelt in der Lebenswelt ist, welche eine Vielzahl von Nichtwissenschaftler umgeben wird, bleibt die Identität von Wissenschaft und Magie nicht nur eine Möglichkeit sondern historische Wirklichkeit.

Blau im Grauen

Ein Funken blau
im dichten Grauen
kurz nur
schon zerfetzt
fällt es nun in Flocken herunter
aus blau wurde weiß
und weiß vergraut
im Straßengraben
des allumfassendes Grauen.

Die Unsichtbaren

Über all den Köpfen
Zwischen all den Menschen
schreiten wir dahin
ungesehen.

doch trifft der Blick sich
dann und wann?
eine kleine Freude
oder große Verunsicherung
kaum fähig
die Nähe zu ertragen
in dieser weiten Ferne
unter dem Himmel Berlins
so nah.

Nebeneinander und Aneinander vorbei
im Wetter verhüllt
das Schweigen
der Unsichtbaren.



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