Archiv für September 2009

Gibt es eigentlich noch Kieler Straßengangs?

Und wer auf den Kopp krischt, der ist schon schwer beschädigt […]“

Erinnerung an den Körper

Ein Paradox, auf dem die westliche Zivilisation beruht ist ihr Umgang mit dem Körper. Der Körper wird vergessen und zugleich ständig in den Mittelpunkt gerückt.

Er wird vergessen, wenn er gebraucht wird, um seine Aufgabe zu erfüllen, er muss vierundzwanzig Stunden wach bleiben können, muss acht Stunden Arbeit aushalten, unterbrochen von seiner Erinnerung an den Energiemangel, der mittels einer möglichst effizienten Mittagspause versucht wird zu stillen. Auf der anderen Seite wird er in den Mittelpunkt gerückt, wenn er nicht mehr funktioniert. Dann wird er mit Kopfschmerztabletten oder wahlweise anderen Heilmitteln (z.B. Quecksilber im Mittelalter) vollgestopft, bis er stimuliert durch diese Substanzen seinem Eigentümer vorspielt, wieder normal weitermachen zu können.
Der Körper wird zum Statussymbol als gestählter für diejenigen, die ihn nach ihren Vorstellungen „wie Bildhauer“ (Arnie) modellieren, indem sie seine Muskeln auf eine Größe heranwachsen lassen, von welcher der jeweilige Eigentümer überhaupt keinen praktischen Gebrauch machen kann. Der Körper wird sogleich vergessen, weil von der Gesellschaft vergessen wurde, für welchen Zweck Muskeln eigentlich gemacht sind. Sie sind nur noch ein Symbol für den gesunden, und infolgedessen ehrgeizigen und erfolgreichen Mann. (Sartre muss deshalb widersprochen werden, wenn er sagt, dass ein Körper nur in Bezug auf den eigenen Lebensentwurf gut oder schlecht trainiert erscheint, denn er vergisst, dass diese Freiheit trotzdem im Rahmen eines menschlichen Stereotyps stattfindet – der Blick des Anderen ist nämlich immer auch der Blick der Anderen.)

Der Körper muss vergessen werden, denn er ist das Gefängnis der Seele (Platon), d.h. alles Denken, alles Geistige kann und muss unabhängig von ihm stattfinden, denn diese Intellektualität darf nicht von fleischlichen Trieben und Instinkten determiniert sein, soll Unsterblichkeit, dieser männliche Traum (Jelinek), aufrechterhalten werden.
Doch diese Triebe werden ständig in den Mittelpunkt gerückt, denn Sex und nackte Haut verkaufen sich nicht nur gut, sondern sie sind auch Mittel zum Machterwerb und -erhalt des erfolgreichen und ehrgeizigen Mannes (manchmal noch vergessen im fetten Körper) über die unterdrückte Frau, die ihren Körper wiederum vergessen muss (dass z.B. ein breiteres Becken bei einer Geburt weniger Schmerzen bereiten könnte) um ihn fokussierend hemmungslos ausbeuten zu können (da ein schmaleres Becken nuneinmal besser aussieht). In der plastischen Chirurgie spiegelt sich dasselbe wieder: Funktion eines Körperteils wird ausgetauscht gegen Aussehen: die Nase ist nicht zum Atmen da, sondern zum Schmalsein und Schönsein und Angepasstsein an schmale Wangenknochen und aufgespritzte Lippen.

Der Operationstisch bzw. das Krankenhaus im Allgemeinen ist wohl das auffälligste Beispiel für Körperfokussierung und -vergessenheit in einem. Der Kernspint dient dazu herauszufinden, was Bewusstsein ist, indem er unter dem Pradigma der Anomalität Gehirnaktivitäten misst, um Rückschlüsse auf die ‚normale‘ Funktionsweise zu ziehen (Rationalitätspradigma). Als wäre der Rest des Körpers nicht vorhanden, wird hier frei Schnauze alles von der menschlichen Willensfreiheit bis zur schweren Persönlichkeitsstörung erklärt. Das entkörperte Gehirn wird zum Synonym für den Sieg des Materialismus über den Dualismus, ohne dabei Platons Credo aufzugeben: Der Körper bleibt das Gefängnis des Gehirns.

Im Massenphänomen Sport wird der athletisch gestählte Körper für Bestleistungen umjubelt. Doch gerne wird vergessen, dass selbst dieser in sechsmilliardenfacher Ausführung nicht jede sechs Monate zu einem neuen Weltrekord fähig ist. Doch wehe, wenn sich der Körpereigentümer erlaubt, solch einen Erflog mit illegalen Erfolg mit illegalen Substanzen herbeizurufen! Denn was man sehen will, sind Athleten, fähig zu Leistungen, zu welchen der eigene Durchschnittskörper selbst bei härtestem Training nicht fähig ist. Doch diese müssen erreicht werden durch Disziplin, durch Einheit von Körper und Geist, der Gefangene muss sein Gefängnis lieben, mit ihm eins werden, und die Massen jubeln nur den Bestgestählten zu, den Siegern, denn die Besiegten will keiner sehen. Sie sind die Toten des Schlachtfeld, auf das sie ausgezogen sind, ohne jemals den Krieg des Geistes gegen den Körper entscheiden zu können, für welchen sich dieser lächerliche Teil der Menschheit entschieden und mit welchem sie rücksichtslos die ganze Welt überzogen hat.

Wie würde eine Erinnerung an den Körper also aussehen?
Sie würde den Menschen von einer Arbeit befreien, welche nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen verkörperten Geist verkrüppelt. Teil dieser Entrkrüppelung wäre damit einhergehend das Ende der Rede von einem „Geist“ oder einer „Seele“ die gespentshaft im Körper wohnt und die Umwendung zu einem ganzheitlichen Verstehens des Menschen (Nietzsche: „Selbst“, Heidegger: „Dasein“). Das heißt: der Mensch ist weder Seele noch ein auf dem Seziertisch zerlegbarer noch unter dem Mikroskop in einzelne Atome unterteilbarer Körper sondern Leib, genauso wie das Tier Leib ist und nicht cartesische Maschine.

Man wird einen neuen Gesprächspartner finden, sich wieder an die Leibstimme erinnern, welche nicht in Worten spricht, aber trotzdem als Gleichberechtigter, nicht als tretbarer Knecht an der Diskussion ‚Leben‘ teilnimmt.
Man wird schätzen lernen, nicht nachdenken zu müssen, um Treppen hinaufzusteigen, ohne hinzufallen. (Wenn man natürlich hinfällt, wird auch der Lein einmal vorhanden) Man wird sich verabschieden müssen von einer einseitigen Auffassung von Intelligenz als Fähigkeit, mathematisch-logische Spitzfindigkeiten lösen zu können, oder ein besonders gutes Gedächtnis zu haben. Verkörperte Intelligenz schließt eine Interaktion mit der Umwelt ein, die über eine belebtes Subjekt/lebloses Objekt-Dichotomie hinausgeht, die Welt verschwimmt zu einer Um-Welt verschiedener Daseinder. Es ist klar wieso den alten weißen Männern ein Schlottern durch den verwahrlosten Körper geht, wenn einer daherkommt und behauptet, dass sich Wissen nicht nur zwischen zwei Pappdeckeln befindet. Jede Erfahrung ist eine Erfahrung, wen kümmert es, ob man sie begrifflich fassen kann, solange sie er-lebt wurde? Wieso ist ein Steinzeitmensch dümmer als der westliche Handymann? Weil er andere Methoden hatte, um seine Welt zu ordnen? Die Schule wird getrennt in Lernen und Sport, das eine ist stundenlanges Starren auf Zeichen, das andere die Wehrpflicht für den Krieg im westlichen Alltag – Sieger und Besiegte – darum gehts in der kapitalistischen Körpertombola. (Leider gibt der positive Aspekt des Teamgeists keine bessere Note – nur auf Unsportlichkeit muss Strafe folgen, denn wer unsportlich ist, der zeigt nicht den Willen, ein ehrgeiziger und erfolgreicher Mann zu werden.)

Erfreulicher Nebeneffekt einer Erinnerung an den Körper: Das Paradox des Verhältnisses zwischen apriorischer Geometrie und Natur löst sich auf, indem das weltlose Subjekt zu Grabe getragen wird. Reale Menschen haben reale Bedürfnisse, un auch der erste Winkelsummendreiecksbeweis hatte ein um-zu …
Die Welt besteht nicht nur aus Tatsachen, sie besteht aus miteinander agierenden Organismen von denen ein kleiner Teil sich eintschieden hat, den Rest in ein starres Netz von Konventionen zu legen, die ihr Stimmorgan bedeutungsvoll in die Welt posaunen kann. Ein Leib dagegen ist eine stabile Basis für zwischenmenschliche Beziehungen. Die westliche und verwestlichte Welt läuf nur Gefahr, ihn entweder in Atome, oder in virtuelle Neubeschreibungen aufzulösen. Postmoderne und radikaler Naturalismus verwandeln das Gefängnis in einen Friedhof. Wieso, Mensch, verwandelst du es nicht in dein Wohnzimmer?

Baumsterben

Das letzte lebenden Blatt des toten Baumes
als Anker ausgesucht
schlecht gewählt

Hoffnung mit Angst verwechselt
denn es hält
noch
windet sich im Winde
einem Kampf der nicht zu gewinnen ist
stirbt dem Baume nach

kein neuer Baum erwächst
aus den Ruinen

ein neuer Baum
wächst nicht aus einem Blatt
und selbst ein Buch ist nicht genug



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